K.O. in zwanzig Fragen

Sehr verehrter Traktorist, geehrte Traktoristin! In dieser wunderbaren neuen Ausgabe unserer Wandzeitung finden Sie das erste Simultaninterview aller Zeiten und auch früher. So etwas entsteht, wenn sich zwei nicht treffen, die sich nicht kennen. Der eine schreibt die Fragen, der andere die Antworten. Gleichzeitig und an sehr weit entfernten Orten. Unser ukrainischer Dichterfürst Karabin Oljoschin zeichnet für die Fragen verantwortlich, Guido Rohm für die Antworten.

Karabin Oljoschin: Beschreiben Sie einen grünen Wald!
Guido Rohm: Das ist im Grunde eine unverschämte Frage, die ich so nicht beantworten möchte.

KO: Warum heißen Sie Guido?
GR: Schulwege waren in meiner Kindheit mehr als gefährlich. ‧Viele Schüler kamen nie an. Wir waren zu Anfang – lassen Sie mich überlegen – etwa 25 Schüler. Zum Schluss waren nur noch Martin, Ben und ich übrig. Alle anderen waren auf dem Schulweg spurlos verschwunden. Gefahr drohte von Tieren wie Alligatoren und mutierten Zwergmäusen. Heute kann sich das ja niemand mehr vorstellen, weil die meisten Schulwege als sicher gelten, aber damals war das ... Wir lebten in ‧einer anderen Zeit, einer anderen Welt. Wir hatten ja nichts, nicht einmal Eltern.

KO: Warum schreiben Sie?
GR: Es ist erniedrigend. Man liegt da, man ist vollkommen ausge‧liefert, und plötzlich beugt sich dieser Kerl über einen und fordert einen auf, den Mund zu öffnen. Dann führt er dieses Ding ein und ... Das sollte verboten werden.

KO: Beenden Sie den Satz: «Rotkäppchen war…»
GR: Beim ersten Mal war ich vierzehn. Ihren Namen weiß ich nicht mehr. Wir taten es auf dem Bett in ihrem Zimmer. Sie teilte Karten aus und dann ... spielten wir Mau-Mau. Eine verwirrende Erfahrung, die mich dennoch danach süchtig werden ließ. Es gab Zeiten, in denen ich jeden Abend loszog, um in einer Bar eine Frau aufzu‧gabeln, mit der ich Mau-Mau spielen konnte. Ich sah mir im ‧Internet Mau-Mau-Videos an, kaufte Zeitschriften, in denen Kartenspiele abgebildet waren. Egal was ich tat, es hatte mit Mau-Mau zu tun. Heute habe ich diese Sucht einigermaßen im Griff.

KO: Ihr schönstes Ferienerlebnis?
GR: Das Brillenputztuch von ‧Turin habe ich 1972 zum ersten Mal gesehen. Oder später? Es muss später gewesen sein, weil ich 1972 erst zwei Jahre alt war. Vielleicht also 1975. Wir besuchten ein Museum in der Nähe von Aachen, wo man das Brillenputztuch von Turin ausstellte, von dem behauptet wurde, dass sich Jesus damit seine Brille geputzt hätte, was bezweifelt werden kann, da sich die meisten Fachleute sicher sind, dass Jesus sich selbst geheilt hätte. Ein interessanter Punkt. Im Grunde hätte sich Jesus von jeder Krankheit selbst heilen können. Und es ist nirgends in der Bibel auch nur eine Stelle zu finden, die von einer Erkrankung des Sohn Gottes berichtet. Ein Beweis für seine göttlichen Kräfte.

KO: Lieblingsfarbe?
GR: Meine Lieblingssportart, schön, dass Sie das ansprechen, ist das Versteckspiel im Profibereich. Ich hätte einer der besten Versteckspieler Deutschlands werden können, wäre nicht diese Sache mit Achim Garbinski geschehen, der sich 1986 so gut versteckte, dass man ihn nie wieder fand. Ein Schock für mich und alle anderen. Ich hoffe, dass es Achim, wo immer er sich da draußen auch versteckt hält, gut geht. Achim, ruf einmal: «Piep!»

KO: Besitzen Sie eine Uhr?
GR: Bei der Schuhgröße kämpfe ich seit Jahren gegen den Jo-Jo-‧Effekt. Mal habe ich Schuhgröße 44, mal 42. Ich muss gegen das Anwachsen anlaufen. Und vor allem Diät halten. Ich kenne Leute, die so viel gegessen haben, dass sie eine Schuhgröße von 56 erreichten. Der Kampf gegen die Schuhgröße endet nie.

KO: Warum schreiben Sie für den Traktor?
GR: Hier möchte ich von meinem Recht der Schweigepflicht Gebrauch machen. Das heißt doch so, oder?

KO: Fleisch ist mein…
GR: Einer der wichtigsten Philosophen der Moderne ist Jochen Hagenbutt, der mit seinem Werk, hätte er es geschrieben, unser aller Denken verändert hätte. Leider verstarb Hagenbutt zu früh – so früh, dass er nicht einmal schreiben lernte. Aber die Erinnerung an dieses epochale Beinahewerk bleibt.

KO: Sie haben gestern Fenster geputzt?
GR: Mein Lieblingsgedicht, hm, mal überlegen. Ich kann es nicht auswendig, aber es kommen Öl, Salz und Petersilie darin vor. Ein großartiges Gedicht, vor allem, wenn man es beim Italiener um die Ecke vortragen lässt.

KO: Wie viele Flaschen Bier trinken Sie täglich?
GR: Ich denke, wir werden alle sterben müssen, auch wenn die Medizin auf dem besten Weg ist, dass wir uralt werden. In zehn, fünfzehn Jahren wird es die ersten Menschen geben, die mindestens 1000 Jahre alt werden. Das stellt uns vor ganz neue Herausforderungen, vor allem bezüglich des Renteneintrittsalters.

KO: Sie haben Taschenrechner. Warum?
GR: Danke, das schmeichelt mir.

KO: Kautzverhader ist Ihr…
GR: Ich bin ein begeisterter Wanderer. Ich wandere täglich bis zu siebzig, achtzig Kilometer. Oft wandere ich schon vor dem Frühstück. Und nach dem Mittagessen. Wenn ich nachdenken muss, wandere ich, sodass ich schon oft so intensiv über ein Problem nachdachte, dass ich erst viel zu spät bemerkte, dass ich gar nicht mehr in Deutschland war. Das kann auch rasch unangenehm werden, wenn man zum Beispiel in Sibirien wieder zu sich kommt. Na, wo bin ich denn jetzt? Oder man läuft und läuft, bis man in einem Terrorcamp des IS wieder zu sich kommt. Da kann das Wandern auch schnell zur Gefahr werden.

KO: Stellen Sie dreizehn Fragen. Welche wäre die zwölfte?
GR: Nein, ich kenne Herrn Erdogan nicht persönlich, ich würde es auch vorziehen, wenn er sich nicht ständig auf Stellen in meinem Werk beziehen würde, die rein gar nichts mit der PKK zu tun haben.

KO: Haben Sie ein Verhältnis mit Birgit?
GR: Da war ich fünf oder sechs Jahre alt.

KO: Warum wohnen Sie nicht zuhause?
GR: Mein erste Trompete bekam ich von einem Onkel. Ich entdeckte meine Liebe zum Jazz, wurde Mitglied bei einer Band und spielte in verrauchten Kellern. Später spielten wir auch noch in Garagen, Wintergärten, Kühlräumen und in Wartezimmern. Wir waren Avantgarde. Wir spielten da, wo man uns nicht haben wollte, oft auch illegal. Das war ein gefähr‧liches Unterfangen. Kaum hatten wir unsere Instrumente ausgepackt, mussten wir sie auch schon wieder verstauen, weil die Polizei kam.

KO: Ihr Buch «Sieben ist mehr als zwölf» ist jetzt Grundschulstoff in Aruba. Wie kam es dazu?
GR: Reifenpanne.

KO: Ohne Socken bin ich…
GR: Mein Lieblingsschriftsteller ist Jörg Gordenberg. Sein «Roman eines Zukurzgekommenen» (über einen Zwerg) hat mich wieder und wieder zum Weinen gebracht. Er ist so erschütternd, dass ich über das erste Kapitel nie hinausgekommen bin, aber ich vermute, dass der Rest des Romans ebenso stark ist, wie die ersten Seiten.

KO: Vielen Dank.
GR: Gegenfrage: Warum nicht?

KO: Nein, wirklich: Danke.
GR: Bei einem Interview möchte man den Befragten kennenlernen, man will ihm in die Seele blicken, man will ihn riechen und schmecken können. Wo das nicht geschieht, haben wir es mit einem falschen Interview zu tun, mit einem, das nicht die richtigen Fragen gestellt hat, das nicht gebohrt hat. Ja, ein Interview muss eine Frackingmaßnahme sein. Man bohrt so lange in die Tiefe, bis man auf Gas oder Öl stößt. Alles andere ist nur Bohren in der Nase, bei dem man Dinge hervorholt, die man lieber dort gelassen hätte, wo sie waren. Ich hoffe in diesem Sinne, dass die Leser in diesem Interview ein Frackinginterview sehen. Oder wenigstens ein Wrackinginterview.

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