«Ich fahre niemals Zug»

Es ist uns wahrhaftig gelungen, den größten neuzeitlichen Antischmerzlyriker zu einem Interview zu bewegen. Die Kosten waren immens, der Aufwand enorm. Aber unser Praktikant Oleg hat ihn getroffen, den einzigartigen Karabin Oljoschin. In einer kleinen Berghütte abseits der Zivilisation, gleich neben Schwedt, durfte Oleg seine Fragen stellen. Mit verbundenen Augen und ein Glas Wasser auf dem Kopf balancierend. Solange das Gläschen auf dem Köpfchen weilte, durfte das Praktikantchen mit dem Interview fortfahren. Allerdings erreichte uns das fertige Schriftstück in einem klebrigen Umschlag mit dem Absender: «Oleg, Praktikant, muss weg». Aus den beiliegenden Erläuterungen konnten wir die Wasserglas- und Augenverbindegeschichte entziffern. Oleg ist seitdem verschollen. Nicht sonderlich gut informierte Kreise munkeln, dass unser Praktikant auf einer russischen Mittelmeerinsel beim veganen Pflanzkübelklöppeln beobachtet wurde. Genaueres wissen wir nicht. In stillem Gedenken an Oleg präsentieren wir das komplette Interview so, wie er es geführt hat. Ungeschnitten, unzensiert, ungekürzt und unter Wasser. Oleg, wir vermissen dich ein bisschen.

RT: Herr Oljoschin …
Karabin Oljoschin: Karabin. Nennen Sie mich Karabin.

Karabin …
Sie haben das «Herr» vergessen.

Herr Karabin, wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Als Kind war ich Schule. So mit den Buchstaben.

Sie meinen, Sie haben lesen gelernt?
Nein. Ich habe angefangen zu schreiben. Mit dem ‧Lesen habe ich erst letztes Jahr begonnen.

Was lesen Sie?
Werke.

Von wem?
Schriftstellern.

Große?
Wie groß sind Sie?

1,75 m. Warum?
Würden Sie sich als groß bezeichnen?

Naja, eher normal.
Hatten Sie heute Suppe?

Nein.
Sie hatten doch Fragen. Oder?

Ähm, ja. Lesen Sie Werke von großen Schriftstellern?
Nein. Eher von normalen.

Was war Ihr letztes Buch?
Sind wir jetzt beim Lesen oder Schreiben?

Lesen.
«Der große UWSTEN»

Aber das haben Sie doch auch geschrieben.
Und gelesen. Zudem wollen wir den altehrwürdigen Uwe M. nicht vergessen. Mit ihm habe ich es ‧zusammen gelesen. Und auch geschrieben. Welche Haarfarbe haben Ihre Kaninchen?

Ich habe keine Kaninchen.
Beeindruckend, dass es so etwas noch gibt.

Wie bitte?
Sie wollten mich etwas fragen?

Ja. Wie verbrachten Sie Ihre Kindheit?
Auf einer blauen Luftmatratze mit weißen Schmetterlingen. Die Luftmatratze ist aber irgendwann gestorben, die Schmetterlinge ‧habe ich heute noch.

Sie waren einer der besten polnischen Traktormechaniker.
Was heißt hier ich «war»? Ich bin immer noch Träger der polnischen Pflugmedaille in Bronze! Und diese Auszeichnung wurde schließlich in den letzten zwei Jahren nur 794 mal verliehen.

Schrauben Sie heute noch an Traktoren?
Nein, die Schmetterlinge haben es mir verboten.

Was ist Ihr Lieblingsgericht?
Kriegsgericht.

Ich meinte Essen.
Ach so. Wurstkraut.

Was ist das?
Kraut mit Wurst.

Kommen wir zurück zum Ausgangspunkt …
Oh! Punkte. Ich mag Punkte. Ich verwende sie gern beim Schreiben. Dann verwirren die Worte auch die Leser nicht allzu sehr. Manchmal male ich auch Striche und kleine Kringel über die Punkte. Das verändert dann die Bedeutung der Worte. Tolle Erfindung.

Wo wir gerade beim Schreiben sind … Wovon handelt Ihr neues Buch «Mein Krampf»?
Haben Sie es gelesen?

Ja.
Haben Sie es verstanden.

Nein.
Dacht ich mir. Sie müssen tiefer lesen. Sie müssen auf Effekt‧suche gehen. Sie müssen das «Ah», das «Wow» und das «Ich schüttel jetzt mal vor Begeisterung und Unverständnis den Kopf» finden. Und bewundern Sie das Büchern.

Büchern?
Ja. Büchern. Schreiben. Setzen. Gestalten. Drucken. All das wird mit Liebe und Begeisterung veranstaltet. Das ist Magie. Ich habe früher jeden Tag ein Kaninchen geschält. Sie wissen schon, dass Bücher Seiten haben und keine Knöpfe?

Ich habe einen Reader.
Oh schön! Ihnen liest jemand vor. Perfekt.

Warum sind Ihre Bücher so teuer?
Weil wir büchern und nicht booken.

Wir?
Naja, diese Schrägtypen und ich. Hören Sie, Sie kaufen ja kein bedrucktes Papier. Sie spenden für neue Gedanken, für andere Ansichten, für extreme Eindrücke und für unbekannte Gefühle. Die Bibel hat ja auch irgendwann mal jemand geschrieben. Und schauen Sie, was daraus geworden ist.

Sie vergleichen Ihre Werke mit der Bibel?
Quatsch! Wer sagt das? Ich rede von der «Fibel». Das kleine Büchlein, mit dem die Minimenschen das Lesen erraten.

Ah ja  … Wie sind Sie zum Schrägverlag gekommen?
Lustige Geschichte. Genau wie die Kaninchenschälerei. Sie haben keine Hasen oder?

Nein.
Trotzdem lustig. Ich als mechanischer Autor brauche Verlagsbegabte. Die Herren vom Schrägverlag waren so frei zu lektorieren, zu korrigieren, zu manifestieren, zu setzen und zu drucken. Und bezahlt haben die auch noch alles. Unter uns: Die sin bisl dämlich.

In welcher Beziehung?
Die machen die ganze Arbeit, man muss nix bezahlen und ʼn Haufen Schotter bekommt man auch noch. Komische Typen. Haben Sie meine Schmetterlinge gesehen?

Nein. Aber mal ein ganz anderes Thema. Sie schreiben ja noch nicht so lange. Was haben Sie so vor zehn Jahren gemacht?
Gesessen.

Sie waren im Gefängnis?
Nein, da war ich gestern. Ich habe meine Uroma besucht.

Sie sind weit über 60 Jahre.
Ja und? Meine Uroma ja auch.

Und vor zehn Jahren haben Sie …
Gesessen. Ich werd ja wohl kaum das ganze Jahr gestanden haben.

Noch einmal zurück zu «Mein Krampf». Hat das Buch autobiographische Züge?
Ich fahre niemals Zug!!! Da kann man nicht rauchen und das Bier ist viel zu teuer. Nein im Gegenteil, es handelt von meinem Leben.

Also doch eine Art Biographie.
Erstens heißt es «Die Art» und zweitens «Biologie».

Okay, okay. Mit ihrem Verlag sind Sie zufrieden?
Welchem Verlag? Ich fahre niemals Zug!

Dann mal zu Ihren Hobbies. Haben Sie welche?
Ich schieße Bogen.

Als Ausgleich zum Schreiben?
Nein. Ich kenne nur niemand mit nem Panzer. Da fällt mir ein, ich hatte mal Fische.

Ja. Und?
Na, so im Glas. Zum Gucken. Fische halt. Im Glas. Und einen Wellensittich.

Puhhh … Haben Sie einen Tipp für angehende Autoren?
Lernt lesen. Sucht euch einen Job und lernt lesen. Wenn es dann beharrlich durch die Mütze tropft, klopft beim Schrägverlag an.

Sie sind bekennender Fleischesser.
Ja, ich bin Porkianer.

Indianer?
Nein, ohne Federn.

Gemüse?
Maximal als Fleischbeilage. Wie spät ist es?

Kurz nach Mitternacht.
Juhu! Zeit zum Schmetterlinge sammeln. Ich muss los. Ihr Glas wackelt auch schon verdächtig. Und nehmen Sie mal den Lappen von den Augen. Das sieht ja scheußlich aus. Bin weg.

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