Wolkenmaschine

Geschrieben von Karabin Oljoschin am .

Die Schifffahrt ist seit alters her eine rentnergerechte Freizeitgestaltung. Also habe ich das auch mal probiert. Meine Wahl fiel dabei auf den Störmthaler See bei Leipzig. Da gibt es Wasser und auch gleich die passenden Schiffe dazu. Eine durchaus reizvolle Kombination. Der erste Schock ereilte mich beim Betrachten der Anlegestelle. Die gab es nämlich nicht. Die schwimmenden Särge fahren da einfach so ans Ufer. Das die das können, hat mit Technik zu tun. Und mit Wasserkraft wahrscheinlich. Nun gut, das Kähnchen legte an und fuhr so 'ne Brücke aus. Auch voll technisch. Für zwei Stunden Gondelei musste ich der Hilfskapitänin meine halbe Rente spenden, bekam dafür aber einen Platz am Fenster zugewiesen. Nach oben wollte ich nicht, da war alles voll mit alten Menschen. Kurz nach dem Ablegen, so nennt man das Losfahren, fragte mich eine junge Maid nach meinem Alkoholbedarf. Klasse, das is mal 'ne Lokation, die Rentnerwünsche versteht! Ich bestellte fünf Bier, da ich angesichts des schwindenden Ufers zusehends nervös wurde. Das Ufer kam aber bald wieder, da wir geschleust wurden. Um auf die politische Situation und meine derzeitige Lage ironisch aufmerksam zu machen, schrie ich: „Griechenland, ich komme. Danket den Schleusern.“ Die mitreisenden Passagiere reagierten ungehalten und stempelten einen Rentner, der drei Bier in 17 Minuten trinken konnte, offenbar als volltrunken ab. War mir egal. Die Schleuse war hoch interessant. Klappe auf, rein mit dem Kahn, Klappe zu, Wasser drauf und schon stieg das Schiff nach oben. So landeten wir auf dem Markleeberger See, nicht in Griechenland. Schön ist es da trotzdem. Es gibt ein schwimmendes Haus, da kann man drin heiraten oder auch sinnvolle Sachen machen. Lesungen zum Beispiel. Auch befindet sich, aufgrund der ungeheuren Wassermassen, überall Strand. Und das ringsum. Beeindruckend. Am meisten hat mich allerdings die riesige Wolkenmaschine (siehe Foto) fasziniert. Auf meine Frage, ob hier alle sächsischen Wolken produziert werden und wer denn die Verteilung bestimmt, bekam ich von der Kellnerin nur schallendes Gelächter. Naja, fachkundiges Personal ist heutzutage auch schwer zu finden. Immerhin kapierte sie die Bestellung von weiteren fünf Bier. Den Großteil der Fahrt hatten wir hinter uns und langsam meldete sich mein nicht mehr vorhandener Nikotinspiegel zu Wort. Da sich die Scheintoten vom Oberdeck alle vor dem WC versammelt hatten, ergriff ich die Gelegenheit und kaperte die zweite Etage. Die frische Luft bekämpfte ich sofort mit zwei Zigaretten. Die Aussicht war nicht schlecht, aber die Sonne schien mir dann doch zu hell. Jetzt war mir allerdings der Rückweg durch sämtliche inkontinente Rentner versperrt, da die Erleichterungskammer genau neben der Treppe zum Unterdeck lag. Eine List musste her. Ich schrie: „FEUER!“. Keinerlei Reaktion. An den Gedanken einer Feuerbestattung hatte man sich also schon gewöhnt.

Ich verharrte einen Moment und überlegte, ob ich das böse Wort verwenden sollte, dass diese Generation stets zu Fall brachte. Was blieb mir anderes übrig? Mein Bier wartete und ich musste auch gleich aussteigen. Ich versuchte es noch einmal mit einem freundlichen „Hey, ich muss da jetzt runter.“ Nix passierte. Also knallte ich mein leeres Bierglas zu Boden und brüllte: „LUUUUUUFTAAAAAANGRIIIIIIF!!!“ Schwupps, lag die ganze Meute am Boden und ich konnte zu meinem Getränk und dann ganz schnell von Bord. Flinken Fußes machte ich mich von Dannen. Ein Hausverbot brauchte mir der Kapitän gar nicht aussprechen, einmal Griechenland im Jahr reicht mir völlig.