08.01.2016 Alltagskompetenzeinstufungstest

Geschrieben von Karabin Oljoschin am .

Das ist der Tag im Jahr, auf den ich mich immer gaaaaanz besonders freue. Da kommt so ein Tunichtgut von irgend nem Amt (Altenamt, Rentnerverwahrstelle, Greisersatzamt, was weiß denn ich…), schnappt meinen Betreuer und mich, stellt meinereiner vor unlösbare Aufgaben und die beiden entscheiden danach, ob ich noch allein auf´s Klo darf.

Letztes Jahr kam Herr Schibulski. Heute schellte Herr Kaufmann. Der sah allerdings nich aus wie einer. Dürres Ding, lange zottelige Haare, Brille, Armeekutte.

Früher hätte ich so nen Hippie mit der Zaunlatte vom Hof geprügelt. Heutzutage entscheidet sowas, wer mich zur Toilette begleiten darf. Naja, was soll´s.

Wie immer hatte ich eine halbe Stunde Vorbereitungszeit. Ich schärfte also nochmal flux mein Kaninchenmesser, steckte mir ein Taschentuch ein und raffte etwas Kleingeld zusammen. Dann fuhren wir golfmäßig nach München. Große Städte mag ich nicht besonders. Da is mir einfach zu viel los. Und überall Menschen, die ich nich kenne. Die Hälfte davon sieht aus wie Kaufmann und riecht auch so.

„Sie fahren heute mit der Straßenbahn.“ kläffte mich der Hippie an. „Und weiter?“ fragte ich gelangweilt. „Das reicht schon. Wir halten uns im Hintergrund und beobachten sie dabei.“ Ah ja, mal was ganz Neues, dachte ich.

Besonders spannend fand ich das nicht und da ich in meiner Jugend Modellbahnschaffner war, wusste ich ja, wo es lang geht.

An der Haltestelle sollte ich den Fahrplan lesen. Das war mir zu anstrengend. Also fragte ich so nen Typ mit bunten Haaren „Das nächste Ding, das kommt, fährt das dahin wo ich hin will?“ „Logo Opa.“ Das war also schon mal positiv geklärt. Geht doch.

Als freundlicher Mensch stieg ich natürlich vorn ein und begrüßte den fahrenden Hilfsschaffner mit den Worten „Die Fahrkarten bitte.“ Ich konnte mich vor Lachen kaum auf den Beinen halten. Der Lenkradtyp fand das allerdings gar nicht lustig. Also redete ich beruhigend auf ihn ein „Im Ernst. Ich brauch ne Fahrkarte.“ Und damit knallte ich ihm die abgezählten 65 Pfennig auf den Tresen. Gute Vorbereitung is halt alles. „Was ist das?“ lallte es mir harsch vor die Omme. „Geld, du Kellner. Und das Rumgegurke wird ja wohl nicht mehr kosten als damals die Fahrt vom Neubau auf den Markt. 65 Pfennig kam das. Hier nimm.“

„Willst du mich verarschen? Du brauchst ne Streifenkarte. Und jetzt raus hier!“ plärrte es mir entgegen.

Ich verließ das Fuhrwerk, trat nochmal kräftig gegen den Blinker und stand nun ziemlich dümmlich vor einem Fahrkartenautomat. Da mir der junge Mann mit dem büntlichen Haar schon einmal hilfreich zur Seite stand, quatschte ich ihn einfach nochmal an „Hey, hol mir mal so n Streifending aus dem Kasten.“

„Das kost zwölf Euro, Alter. Weißt du wieviel Bierchen das sind?“ Oh, was für ein wirtschaftlich denkender Mensch. Das gefiel mir. „Ich muss unbedingt ne Runde mit der Straßenbahn drehen, sonst darf ich nich mehr allein auf´s Klo.“ versuchte ich zu erklären. „Ah, verstehe.“ Machte er natürlich nicht. „Ich fahr mit dir jetzt Tram und dann kippen wir für zwölf Euro Flüssiges. Ok?“ Ein Vorschlag, den ich schlecht ablehnen konnte.

Zu meinem Erstaunen betraten wir das Gefährt durch die hintere Tür, grüßten weder Fahrer noch Passagiere und lümmelten uns auf die hintere Bank. Von Fahrkarten war auch keine Rede mehr. Da fiel mir ein, dass ich gar keine weitere Kohle mein Eigen nannte. Aber zum Glück werde ich ja betreut. „Zwölf Euro her. Aber doppelflott.“ verkündete ich meiner stetigen Begleitperson. Nach einem kurzen Blickkontakt zu Kaufmann, gab dieser mir den Zaster. Der Bunte und ich verließen das Fahrgeschäft und setzten unsere Freundschaft in einer gemütlichen Eckkneipe fort. Die beiden Beobachter beobachteten von draußen. Und froren jämmerlich.

Ende vom Lied? Ich darf immer noch allein auf die Schüssel, Jörg (der Haargefärbte) kommt mich regelmäßig besuchen. Nur Straßenbahn fahren darf ich nicht mehr.

Wat für´n Tach.